ZUERST!-Hintergrund: Prigoschins Putschversuch gegen Putin - Ein turbulenter Samstag und viele Fragezeichen

ZUERST!-Hintergrund: Prigoschins Putschversuch gegen Putin - Ein turbulenter Samstag und viele Fragezeichen
Wikimedia/Vitaly V. Kuzmin/CC-BY-SA 4.0

Moskau. Nach dem Putschversuch des russischen Söldnerführers Jewgeni Prigoschin am Samstag bleiben zahlreiche Fragen offen. Prigoschins „Wagner“-Miliz war es zunächst gelungen, einige Militärbehörden in der Großstadt Rostow am Don unter ihre Kontrolle zu bringen und dann mit eigenen bewaffneten Kontingenten auf der Autobahn bis in den Moskauer Verwaltungsbezirk vorzudringen. Prigoschins Ziel war es offiziell, Verteidigungsminister Schoigu und Generalstabschef Gerassimow absetzen zu lassen, die er bereits früher wegen vermeintlicher Fehlleistungen heftig kritisiert hatte. Zuletzt lastete er der Moskauer Militärführung an, seine Söldner mit Raketen angegriffen zu haben, wodurch es hohe Verluste gegeben habe.

Abonniere jetzt:
>> Die starke Stimme für deutsche Interessen <<

In einer Videobotschaft stritt Prigoschin in diesem Zusammenhang die offizielle Begründung des Kreml für den Einmarsch in die Ukraine ab und erklärte, es habe 2022 keine Bedrohung Rußlands durch das Nachbarland oder die NATO gegeben. Zudem sagte er, daß die Zahl der russischen Verluste in der laufenden Militäraktion um ein Zehnfaches höher sei als von Moskau offiziell eingestanden.

Der eigentliche Anlaß für Prigoschins Meuterei dürfte freilich der Beschluß der russischen Regierung gewesen sein, seine „Wagner“-Miliz zum 1. Juli in die Streitkräfte einzugliedern; dies hätte ihn seines wichtigsten Machtinstruments beraubt; die private „Wagner“-Truppe hatte sich nicht nur in den letzten Monaten erhebliche militärische Meriten beim Kampf um Bachmut erworben, sondern bereits über die letzten Jahre hinweg bei zahlreichen Einsätzen vor allem in Afrika.

Abonniere jetzt:
>> Die starke Stimme für deutsche Interessen <<

Noch im Laufe des Samstags brach Prigoschin, nachdem Unterstützung aus den Streitkräften, der Nationalgarde und der Polizei ausblieb, seinen Putschversuch ab, wobei der weißrussische Präsident Lukaschenko vermittelte. Beobachter rätseln allerdings über die dürftigen Versuche im Laufe des Samstags, Prigoschins Fahrzeugkolonnen auf ihrem Weg in Richtung Moskau aufzuhalten. Der unabhängige Journalist Boris Reitschuster, ehemals „Focus“-Korrespondent in Moskau, merkt dazu an: „In Moskau wurden Muldenkipper mit Sand zu den Stadteingängen gefahren, einige Fahrspuren wurden durch Müllwagen und Lastwagen blockiert. Diese Versuche der Blockade wirkten geradezu hilflos. Ist das Verteidigungsministerium so blank, daß es in der Hauptstadt kein nennenswertes Aufgebot von Panzern und gepanzerten Fahrzeugen mehr aufbieten wollte? Oder gab es andere Gründe dafür, daß man nur eher operettenhaft mit Muldenkippern und Müllwagen Barrikaden errichtete?“

Abonniere jetzt:
>> Die starke Stimme für deutsche Interessen <<

Prigoschin soll sich mittlerweile nach Weißrußland begeben haben – von seinen Forderungen ist mittlerweile keine Rede mehr. Kremlchef Putin wiederum, der den Putschversuch noch in einer Ansprache am Samstagmorgen als Dolchstoß in den Rücken der kämpfenden Truppe schärftstens verurteilt und strafrechtliche Konsequenzen angekündigt hatte, ließ am Abend erklären, daß es mit Blick auf die militärischen Leistungen der „Wagner“-Truppe, die man nicht vergesse, keine Strafverfolgung geben werde.

Bemerkenswert ist die Haltung des Westens. In westlichen Regierungs- und Medienkreisen war Prigoschin in der Vergangenheit immer wieder als mögliche Alternative zu Kremlchef Putin gehandelt worden, allerdings mit größten Vorbehalten. So stellte etwa das US-Magazin „Politico“ in einem Szenario vom September 2022 klar, daß eine etwaige Machtübernahme durch Prigoschin auch für den Westen ein Schreckensszenario bedeuten könnte – es stufte den „Wagner“-Chef als „Warlord“ ein, der auf einer imaginären Skala des „Schreckens“ noch vor dem tschetschenischen Präsidenten Kadyrow rangierte.

Abonniere jetzt:
>> Die starke Stimme für deutsche Interessen <<

Angesichts der Meldungen vom Putschversuch wurden denn auch schnell Sorgen über einen möglichen Erfolg Prigoschins laut – sogar in Polen und in der Ukraine. So erklärte der frühere polnische Verteidigungsminister Siemonika: „Ein instabiles Rußland ist ebenso gefährlich wie ein aggressives Rußland.“ Auch der ehemalige Berater des ukrainischen Innenministers, Anton Geraschtschenko, zeigte sich wegen der russischen Atomsprengköpfe besorgt, und der österreichische Bundeskanzler Nehmanner mahnte, daß sie nicht „in die falschen Hände gelangen“ dürften. Dieser Gefahr war sich auch die russische Regierung durchaus bewußt – der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, stellte klar, man werde die Lage nicht so weit außer Kontrolle geraten lassen, daß „Nuklearwaffen in den Händen von Banditen landen – so sehr diese Kriminellen, die ihren Verstand verloren haben, dies auch wollen“.

Abonniere jetzt:
>> Die starke Stimme für deutsche Interessen <<

Allerdings: dieses Risiko war amerikanischen Geheimdienstkreisen, die angeblich bereits Mitte Juni von Prigoschins Putschplänen gegen Moskau wußten, nicht groß genug, um die russische Regierung vorsorglich zu warnen. Das Weiße Haus machte sich diese Haltung zueigen, als am Freitag ein erstes Krisentreffen unter Leitung von US-Präsident Biden stattfand. Die Aussicht auf eine Schwächung Moskaus überwog alle Bedenken wegen einer möglichen Eskalation.

Auch in diesem Punkt meldet der unabhängige Rußlandexperte Reitschuster Fragen an: „Wie kann es sein, daß der US-Geheimdienst laut US-Medien schon einen Tag vor dem Putsch-Versuch Hinweise auf diesen hatte und auch dem Präsidenten mitteilte? Ist es realistisch, anzunehmen, daß dann der russische Geheimdienst gleichzeitig nichts wußte? Wenn er aber etwas wußte – wieso war man dann in Moskau ganz offensichtlich so schlecht vorbereitet?“

Abonniere jetzt:
>> Die starke Stimme für deutsche Interessen <<

Der „Washington Post“ zufolge gehen die US-Geheimdienstler davon aus, daß man im Kreml mindestens einen Tag vor dem Beginn der Meuterei über die geplante Rebellion informiert war.

Andere Beobachter wollen deshalb nicht ausschließen, es habe sich letztlich um ein abgekartetes Spiel gehandelt, um interne Gegner des Kreml, möglicherweise auch die NATO aus der Reserve zu locken. Wie die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ inzwischen mitteilte, habe es während der Krise am Samstag „informelle Kontakte“ zwischen der NATO und dem russischen Verteidigungsministerium gegeben. Dabei habe sich der Westen „sofort“ um die Klarstellung bemüht, daß man in keiner Weise in die Ereignisse verstrickt sei.

Abonniere jetzt:
>> Die starke Stimme für deutsche Interessen <<

Bundesdeutsche Regierungskreise klammern sich unterdessen weiter die Hoffnung auf eine Schwächung Putins. So gab die FDP-Rüstungslobbyistin Strack-Zimmermann in Bundestag die Parole aus, im russischen Herrschaftssystem zeige sich ein erster „Haarriß“. Auch der CDU-Politikberater Nico Lange suggerierte im ZDF, Kremlchef Putin sei nach den Ereignissen vom Samstag „sehr stark beschädigt“. Allerdings ist das eine Prognose, mit der westliche „Experten“ praktisch seit Beginn des Ukrainekrieges regelmäßig aufwarten – und regelmäßig falsch liegen. (mü)

Fordern Sie hier ein kostenloses Leseexemplar des Deutschen Nachrichtenmagazins ZUERST! an oder abonnieren Sie hier noch heute die Stimme für deutsche Interessen!

Folgen Sie ZUERST! auch auf Telegram: https://t.me/s/deutschesnachrichtenmagazin

Kommentare