Wiener Ökonom über die russische Wirtschaft: „Die Sanktionen sind gescheitert“

Wiener Ökonom über die russische Wirtschaft: „Die Sanktionen sind gescheitert“

Wien/Moskau. Nach eineinhalb Jahren Rußland-Sanktionen steht der Westen wie ein begossener Pudel da. Denn: von einem „Ruin“ der russischen Wirtschaft, den etwa Bundesaußenministerin Baerbock (Grüne) als Ziel der Boykotte ausgegeben hatte, ist weit und breit nichts zu sehen, im Gegenteil: die russische Wirtschaft wächst, die Gehälter steigen. Staat und Unternehmen hätten sich in beeindruckender Geschwindigkeit an den Krieg gegen die Ukraine und die westlichen Sanktionen angepaßt, resümierte jetzt der Ökonom und Rußland-Experte Vasily Astrov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche in einem n-tv-Interview. Der Plan, Kremlchef Putin mit Sanktionen zum Einlenken zu zwingen, sei nicht aufgegangen.

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Besonders gut entwickle sich die russische Wirtschaft demnach in allen Bereichen, die direkt oder indirekt mit der Kriegführung zu tun haben. Das ist nicht nur die Waffenproduktion, die auf Hochtouren läuft. Außerdem hätten die westlichen Sanktionen erfolgreiche „Substitutionseffekte“ bewirkt – Waren, die nicht mehr aus dem Westen importiert werden können, werden durch Einfuhren (vor allem aus China) und mehr und mehr auch durch eigene Produkte ersetzt. Konsumgüter wiederum – auch westliche – kommen nun über Drittländer ins Land.

Auch die Bevölkerung spürt mehrheitlich wenig von den Sanktionen, im Gegenteil: wegen des Arbeitskräftemangels steigen die Reallöhne, und wirtschaftlich ärmere Regionen profitieren vom Krieg, weil die Streitkräfte einen vergleichsweise hohen Sold bezahlen. „Das alles führt dazu, daß sich der private Konsum in Rußland nach einem kurzen Einbruch zu Beginn des Kriegs schnell wieder erholt hat“, sagt Astrov.

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Einbußen habe die russische Wirtschaft lediglich bei den Energieverkäufen zu verzeichnen, teils auch deshalb, weil neue Abnehmer in Asien geringere Preise bezahlen als zuvor die westlichen Abnehmer. Insgesamt habe Rußland rund ein Drittel seiner Exporterlöse aus dem Energiesektor verloren, was für den Staat einen Rückgang der Steuereinnahmen aus diesem Bereich um etwa die Hälfte bedeute.

Als Gründe für das Scheitern der westlichen Sanktionspläne nennt der Wiener Experte die Anpassungsfähigkeit der russischen Wirtschaft und die Verweigerung vieler Länder: „Daß China da nicht mitmacht, war wohl klar. Aber bei Indien, Brasilien und anderen Schwellenländern hatte man wohl auf mehr Kooperation gehofft. Und tatsächlich ist es ja so, daß selbst mit der Türkei sogar ein NATO-Staat sich an den Sanktionen nicht beteiligt, sondern seinen Handel mit Rußland intensiviert.“

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Im übrigen sei Rußland mittlerweile eine „echte Marktwirtschaft“, deren Anpassungsfähigkeit man „im Vergleich zu Ländern, die ähnlichen Sanktionen ausgesetzt waren, unterschätzt hat. Rußland ist einfach viel größer und wirtschaftlich weiter entwickelt als der Iran, Venezuela oder Nordkorea.“ Nicht zuletzt habe Moskau seit 2014, als der Westen die ersten Sanktionen verhängte, viel Zeit zur Vorbereitung gehabt. Nun habe das Land gute Aussichten, die Sanktionen möglicherweise noch jahrelang ohne die Gefahr eines Wirtschaftszusammenbruchs durchzustehen. Insgesamt, so Astrov, „sind die Sanktionen weitgehend gescheitert“. (mü)

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