Polnischer Journalist zum russischen Rückzug aus Cherson: War es ein Deal?

Polnischer Journalist zum russischen Rückzug aus Cherson: War es ein Deal?
Wikimedia/mil.ru/CC BY 4.0; Foto: Symbolbild

Warschau/Moskau. Interessante Spekulationen im Zusammenhang mit dem russischen Rückzug aus Cherson – allerdings ohne Möglichkeit einer Verifizierung. Der polnische Journalist und Autor Wacław Radziwinowicz hat am Sonntag auf der Webseite der linksliberalen polnischen Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ die Auffassung geäußert, es gebe begründete Hinweise dafür, daß der russische Abzug das Ergebnis eines „Deals“ zwischen Kiew, Moskau und Washington sei. Radziwinowicz schreibt in seiner Analyse: „Als der russische General Sergej Surowikin am Mittwochabend (…) den Plan zum Abzug der russischen Truppen aus Cherson ‚vorschlug‘ und der russische General Sergej Schoigu diesen Plan ‚akzeptierte‘, war die Evakuierung der russischen Truppen bereits nahezu abgeschlossen.“

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An Indizien für seine These führt der polnische Journalist unter anderem den Umstand an, daß den Russen der Abzug ihrer Verbände hervorragend gelungen sei – ohne daß es diesmal weitere Verluste durch ukrainische Angriffe gab wie im September. 30.000 Soldaten und 5000 Militärfahrzeuge konnten problemlos über den Dnjepr zurückgeführt werden – und dies unter den Augen der Ukrainer, die dank ihrer Drohnen und der US-Spionagesatelliten einen hervorragenden Überblick über die Situation hatten. Radziwinowicz berichtet, es gebe auch in russischen Medien Berichte darüber, daß sich Russen und Ukrainer über den Abzug einig geworden seien.

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Die russische Seite habe im Gegenzug einige Vorteile aushandeln können. In den Tagen vor dem Abzug sei es russischen Diplomaten gelungen, einige EU-Sanktionen auszuhebeln und der EU die Erlaubnis abzuringen, konfiszierten Kunstdünger über EU-Häfen zu exportieren. Angeblich habe es auch konstruktive Gespräche mit UN-Diplomaten gegeben, um die Ausfuhr von russischem Getreide voranzutreiben.

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Weiter schreibt Radziwinowicz: „Dem oppositionellen und putinkritischen Kolumnisten Stanislav Belkovsky zufolge ist Moskau bereit, auf Kompromisse einzugehen. Seiner Meinung nach könnten die Russen nun beispielsweise bald zustimmen, das Kernkraftwerk Saporischschja an die Ukraine zu übergeben. Denn der Kreml ist an einem vorübergehenden Waffenstillstand an der ukrainischen Front interessiert. Maria Sacharova, Sprecherin des russischen Außenministeriums, sprach beispielsweise erst am Mittwoch von der Bereitschaft Moskaus zu einem Dialog mit Kiew zu diesem Thema.“

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Außerdem verweist Radziwinowicz, daß die Midterm-Wahlen in den USA für die russische Führung enttäuschend ausgegangen seien: „Rußland könnte noch mehr an einem Waffenstillstand interessiert sein, nachdem die US-Wahlen nicht, wie vom Kreml erhofft, eine Niederlage für die Demokraten und Joe Biden bedeutet haben. Inzwischen ist klar, daß sich die Haltung des Weißen Hauses zur Ukraine mindestens zwei Jahre lang nicht groß verändern wird.“ Auch sei eine Distanzierung Chinas gegenüber Rußland zu spüren. Der Rückzug der russischen Truppen sei eine schwere symbolische Niederlage für Putin.

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Der polnische Journalist läßt die Frage offen, ob ein Waffenstillstand zwischen Rußland und der Ukraine nun wahrscheinlicher geworden sei. Er stellt allerdings fest, daß der russische Abzug in den russischen Medien kein großes Thema sei. (mü)

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