Österreichischer Ökonom rechnet vor: Ohne Gas beginnt in 180 Tagen ein Desaster
Wien/Brüssel. Die Zeit der Schönfärberei ist vorbei. Erst dieser Tage stimmte Bundesfinanzminister Lindner (FDP) die Deutschen gleich auf mehrere Jahre der Entbehrungen ein. Auch in Österreich ist die Situation nicht viel anders. Dort rechnete der Volkswirt Friedrich Schneider jetzt schon einmal vor, wann mit welchen Auswirkungen zu rechnen ist.
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Schneider legt seinem Szenario den realistischen Fall eines Gasausfalls zugrunde – der freilich zum Gutteil selbstverschuldet ist, weil sich Deutschland und die EU verbissen dagegen wehren, die fertiggestellte und einsatzbereite Ostseepipeline Nord Stream 2 in Betrieb zu nehmen. Nord Stream 1 kann wegen technischer Defekte nur noch geringe Mengen Gas transportieren, und die übrigen Pipelines durch Weißrußland und die Ukraine machte Kiew vor kurzem eigenmächtig dicht. Es ist also sehr realistisch, daß schon bald überhaupt kein Gas mehr nach Europa kommt.
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Für diesen Fall prognostiziert Schneider ein Desaster: allein in Österreich könnten 130.000 Arbeitsplätze wegfallen, und das Bruttoinlandsprodukt könnte um 6,6 Prozent sinken. Das Ganze könnte schon in 180 Tagen, also in einem halben Jahr so eintreten.
Schneider hat im Auftrag der Initiative Wirtschaftsstandort OÖ (IWS) nachgerechnet. Es sei seine „mit Abstand schwierigste Studie in 40 Jahren gewesen“, sagte er bei der Präsentation, denn es gebe viele Unwägbarkeiten. Seine Annahme: von Anfang Juli an fließt kein Gas aus Rußland mehr. Angelehnt an eine deutsche Studie, nimmt er darüber hinaus an, daß die erdgasintensive Industrie nur in rund einem Fünftel ihrer Produktionsprozesse Erdgas durch alternative Energieträger ersetzen kann.
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Darauf aufbauend legt Schneider eine optimistische und eine pessimistische Variante vor – welche von beiden Realität werde, sei nicht abschätzbar. In der „pessimistischen Variante” kann maximal ein Zehntel des Ausfalls durch Speichervorräte substituiert und kaum Gas aus dem Ausland zugekauft werden, außerdem nehmen die privaten Haushalte keine Einsparungen vor. Unter dem Strich würden von dem in Oberösterreich für Industrie, Gewerbe und private Haushalte benötigten Gas dann 58 Prozent fehlen. Die Folge wäre ein BIP-Rückgang um 6,5 Prozent. Die Zahlen von 2020 zugrundegelegt, würde das ein Absinken von 65,24 auf 61 Mrd. Euro bedeuten. 56.000 Menschen – knapp 12 Prozent der unselbständig Beschäftigten – würden ihren Arbeitsplatz verlieren.
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Bei seiner aktuellen Gas-Bevorratung würde Österreich nach derzeitigem Stand vier Sommermonate und zwei kühlere Monate mit seinen Gasbeständen auskommen – das sind 180 Tage.
Auch für die gesamte EU hat Schneider gleich mitgerechnet: ihr droht nach seinen Prognosen der Verlust von rund 1,5 Millionen Arbeitsplätzen und der Rückgang des BIP um 1 bis 2 Prozent. Spannende Perspektiven. (mü)
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