NZZ kritisiert Geschichtsvergessenheit: „Verachtung der eigenen Vergangenheit“

Zürich. In einem bemerkenswerten Gastbeitrag für die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) ging dieser Tage der Philosoph und freie Autor Alexander Grau mit dem westeuropäischen und insbesondere bundesdeutschen Verhältnis zur eigenen Geschichte ins Gericht. Das historische Bewußtsein, so Grau, „wurde längst durch ein moralisches Besserwissertum ersetzt“. Abonniere jetzt: >> Die starke Stimme für deutsche Interessen

Gerade mit Blick auf die jüngsten „Black Lives Matter“-Umtriebe sei auffallend, daß der objektive Blick auf die eigene Vergangenheit zusehends unter die Räder gerate. „Denkmäler werden geschleift, Institutionen und Strassen umbenannt, alte Texte überarbeitet und Museumsbestände kritisch durchforstet. Nie zuvor in der Geschichte stand eine Gesellschaft ihrer eigenen Vergangenheit mit so viel Reserviertheit gegenüber“, befindet Grau. Das 21. Jahrhundert drohe „eine Epoche der vollständigen Enthistorisierung zu werden“, der Preisgabe des historischen Denkens schlechthin.

Einer der zentralen Treibriemen dafür sei der zunehmend moralische Blick auf die Vergangenheit, der nurmehr die eigenen „Werte“ gelten lasse und vor-moderne Wertewelten nicht mehr akzeptiere; „wer Denkmäler von Kolumbus, Churchill oder Bismarck schleifen möchte, weil diese Eroberer, Rassisten oder Kriegstreiber waren, bemüht sich nicht um ein historisches Verstehen, sondern walzt Geschichte im Namen aktueller Moralvorstellungen nieder.“ Die Bereitschaft, fremde Wertvorstellungen zu tolerieren und sie in ihren historischen Kontext einzuordnen, sei immer mehr im Schwinden begriffen. „Die Vergangenheit kondensiert zu einem bedrohlichen Hort antiemanzipatorischer Vorstellungen, den es zu überwinden gilt. Nur das geschichtslose Individuum ist aus dieser Perspektive wirklich frei“, schreibt Grau. Übrig bleibe „ein Zerrbild historischer Prozesse, das allenfalls der narzisstischen Selbstvergewisserung oder Unterhaltung dient“.

Bemerkenswert sei an alledem, daß der moralgetränkte „Ahistorismus“ der westlichen Gesellschaften etwas Einmaliges in der dokumentierten Geschichte sei. Denn: „Erstmals in der historisch überschaubaren Menschheitsgeschichte hat sich eine Alltagskultur entwickelt, die sich nicht nur vollständig von ihrer Vergangenheit emanzipiert hat, sondern diese sogar verachtet. War es kulturübergreifend über Jahrtausende selbstverständlich, die Ahnen zu ehren, so hat die Moderne erstmals eine Gesellschaft hervorgebracht, die ihre Vorfahren offen und gezielt herabsetzt, weil deren Gedankenwelt nicht aktuellen moralischen Normen entspricht.“

(Graus Beitrag unter dem Titel „Der moderne Mensch verehrt alles Fremde und verachtet zugleich das Fremdartige der eigenen Kultur“ ist auf der Webseite der NZZ abrufbar unter: https://www.nzz.ch/feuilleton/geschichte-wir-verachten-das-fremdartige-in-der-eigenen-kultur-ld.1587198)

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