Historiker Niall Ferguson rechnet mit Merkel ab: „Viele Fehlentscheidungen, keine großen Leistungen“
London. Während sich die Medien und das politische Establishment im Westen in Lobeshymnen auf die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel überbieten, behält der britische Historiker Niall Ferguson einen klaren Kopf. In einem Interview mit „t-online“ zieht er eine überaus durchwachsene Bilanz der 16 Jahre währenden Amtszeit Merkels – und stellt auch der politischen Reife der Deutschen kein gutes Zeugnis aus. Abonniere jetzt: >> Die starke Stimme für deutsche Interessen
Unter Merkel sei Deutschland in zentralen Bereichen „geradezu eingefroren“, konstatiert Ferguson, weshalb ihr Abtritt längst überfällig sei. Denn anders als im Urteil vieler Medien stehe Deutschland heute weit weniger gut da als bei Merkels Amtsantritt 2005. Ferguson wörtlich: „Merkel wird völlig zu Unrecht als starke Führungsperson angesehen. Das ist eine Erfindung der Medien. Was soll denn bitte ihre große Leistung gewesen sein? Gut, die Eurozone ist bis heute nicht zusammengebrochen, wenngleich es knapp davor war. Aber nehmen wir den Brexit: Merkel und Wolfgang Schäuble als Finanzminister haben die Situation bei der Abstimmung in Großbritannien 2016 vollkommen unterschätzt und nichts getan, um den britischen Pro-Europäern zu helfen. Merkel hat keine großen Leistungen vorzuweisen, dafür aber viele Fehlentscheidungen.“ Abonniere jetzt: >> Die starke Stimme für deutsche Interessen
Dabei hätten einige der wirklich großen Krisen – wie die Finanzkrise 2008 – Deutschland gar nicht berührt.
Auch für das Verhältnis der Deutschen zu den USA findet Ferguson kritische Worte. Zwar verlasse sich die Bundesrepublik zu 100 Prozent auf den Schutz durch die USA, sei aber selbst nicht in der Lage, im Ernstfall für die eigene Sicherheit zu sorgen. „Ihr Deutschen könnt nur so unbeschwert leben, weil die USA euch eine permanente militärische Sicherheitsgarantie gegeben haben“, konstatiert Ferguson, und: „Die Europäische Union sorge seit Jahrzehnten für Frieden in Europa, wird immer wieder gern behauptet. Das ist vollkommener Quatsch! Die EU ist militärisch ein Lämmchen. Nur die USA und die NATO können Europas Schutz garantieren.“ Abonniere jetzt: >> Die starke Stimme für deutsche Interessen
Allerdings sei auch die Hoffnung nicht angebracht, daß es unter einem künftigen Bundeskanzler Olaf Scholz („eine männliche Ausgabe von Angela Merkel“) zu den erforderlichen Kurskorrekturen komme. „Ich sehe auch in der deutschen Gesellschaft keinerlei Lust auf Veränderung. Deutschland will die Stagnation – und wird dafür teuer bezahlen“, prophezeit Ferguson. Abonniere jetzt: >> Die starke Stimme für deutsche Interessen
Konkret sieht der britische Historiker, der kürzlich sein neuestes Buch über die historischen Katastrophen der Menschheit („Doom“) vorgestellt hat, etwa durch neue Migrationskrisen gewaltige Herausforderungen auf Deutschland und Europa zukommen. Denn: „Die Migranten werden kommen, und niemand kann sie aufhalten.“
Auch ein neuer Kalter Krieg sei längst am Köcheln, diesmal zwischen den USA und China. Mit alledem sei Deutschland überfordert. Zum Abschluß gibt Ferguson der künftigen Bundesregierung noch einen Rat: „Die nächste Katastrophe wartet schon. Wir sollten nicht die Augen davor verschließen.“ Abonniere jetzt: >> Die starke Stimme für deutsche Interessen
Niall Ferguson, geboren 1962, veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter „Der falsche Krieg. Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert“ und „Kissinger. Der Idealist, 1923-1968“. Kürzlich erschien sein neuestes Werk „Doom. Die großen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft“. Das „Time Magazin“ erklärte ihn 2004 zu einer der 100 „einflußreichsten Personen der Welt“. (se/rk)
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