"Die Zweite Welle des russischen Angriffs steht bevor" - ZUERST!-Interview mit Militärexperte Hagen Eichberger (aktualisiert)

"Die Zweite Welle des russischen Angriffs steht bevor" - ZUERST!-Interview mit Militärexperte Hagen Eichberger (aktualisiert)

Deutschen Militärzeitschrift (DMZ)

Herr Eichberger, in westlichen Medien- und Politikkreisen wird derzeit gemutmaßt, ob sich Rußland mit der Militäroperation in der Ukraine übernommen habe. Der Angriff russischer Streitkräfte käme nur schleppend voran, britische und amerikanische Militärs übertreffen sich in Verlautbarungen, wonach Logistikprobleme, Taktikfehler und Lagefehleinschätzungen zu einem nur zögerlichen Vorgehen Moskaus geführt hätten. Hinzu sei der Widerstandswille der Ukrainer unterschätzt worden. Ist dem so?

Eichberger: Der letzte Punkt ist sicherlich zu bejahen. Die nationale Kraftanstrengung, mit der in der Ukraine ein ganzes Land zur Verteidigung mobilisiert wurde, ist ein Punkt, der im Kalkül russischer Militärs unterschätzt wurde. Ich muß hier unweigerlich an Clausewitz‘ Konzept des „Volkskrieges“ denken, das von seiten der Ukraine hier recht effektiv angewandt wird. Wir sehen hier aber noch eine andere Ebene. Ukraines Staatsführung hat gekonnt auf internationalem, diplomatischem Parkett in letzter Minute das Ruder herumgerissen. Der von Kiew geführte Informationskrieg ist taktisch nicht zu unterschätzen und hat direkte Auswirkungen auf die militärische Lage. Die Rückendeckung von EU und NATO  hat sicherlich dazu geführt, daß Rußland zu einem zurückhaltenderen Vorgehen auf taktischer Ebene gezwungen wurde. Zivile Opfer, grausame Bilder sollten vermieden werden, sowohl nach außen als auch für die Heimatfront. Doch jetzt kommt das große „Aber“. Denn so schlecht, wie es hierzulande gerne dargestellt wird, läuft es für die russische Armee nicht.

Wir sind gespannt…

Eichberger: Die russischen Streitkräfte haben zunächst versucht, mit Nadelstichen die Lage aufzuklären und in einer Ersten Welle punktuell für sie prioritäre Ziele zu erreichen. Und dies ist bei nüchterner Betrachtung gelungen. Kiew ist fast vollständig eingekesselt, wichtige militärische und zivile Infrastrukturobjekte sind ausgeschaltet oder eingenommen und vor allem läuft bei der Offensive in der Südukraine fast alles nach russischem Plan.

Inwiefern?

Eichberger: Ein Blick auf eine von der F.A.Z. aufbereitete Karte (Stand: 2. März, 8.00 Uhr) zeigt die Fortschritte der russischen Militäroffensive bis zum 7. Kriegstag. Von der Krim ausgehend schoben sich die russischen Verbände taktisch geschickt auf Cherson und Mariopol vor. Noch sind die Städte umkämpft, ich bin aber sicher, daß dies nur eine Frage der Zeit ist, bis beide in russischen Händen sind. Mit der Inbesitznahme Mariupols wird die Landbrücke zwischen der 2014 annektierten Krim und den Oblasten Donezk und Luhansk hergestellt. Hier wurden seitens der pro-russischen Separatisten Vorstöße bis zu 30 Kilometer westwärts vollführt, so daß unter anderem auch von Osten auf Mariupol vorgestoßen wird.

Was bedeutet dies für das weitere Vorgehen?

Eichberger: Sobald die Landverbindung Krim-Mariupol-Donezk/Luhansk hergestellt ist, werden russische Kräfte frei, um nach Norden vorzustoßen und sich mit den Kräften im Nordosten bei Charkow zu verbinden. Und was bislang in westlichen Analysen weitgehend außer Acht gelassen wird: Rußland hat in der ersten Kriegswoche nur vereinzelt Spezialeinsatzkräfte, kampferfahrene Verbände und vor allem moderne Waffensysteme eingesetzt. Diese werden erst mit der Zweiten Welle herangeführt. Noch hält sich die schwere Artillerie zurück, noch sind die Luftlandetruppen nur bei kleineren Operationen eingesetzt gewesen. Aber dies wird sich ändern.

Was ist aus Ihrer Warte das operative Ziel Moskaus?

Eichberger: Rein militärisch betrachtet, halte ich folgendes Szenario für wahrscheinlich. Rußland wird wie bereits geschildert versuchen, von der Krim ausgehend in Richtung Norden vorzudringen und sich mit den Verbänden im Raum Charkow zu vereinen. Ist erst einmal der Großteil der Ostukraine in russischer Hand, werden erneut Kräfte frei, um die Offensive auf Kiew zu unterstützen. Dies impliziert auch, daß die ukrainische Militärführung vor dem Dilemma stehen wird, eine Entscheidung zu treffen, ob die eigenen Soldaten frühzeitig einen Rückzugbefehl aus der Ostukraine bekommen und sich im Raum Kiew mit der Hauptstreitmacht sammeln oder aber weiter Widerstand im dann besetzten Gebiet in Form von Kleinkriegtaktiken leisten sollen. Gleichzeitig werden in einer russischen Zweiten Welle Luftlandetruppen und spezielle Kräfte verstärkt in das Kampfgeschehen eingreifen. Nicht auszuschließen ist auch, daß nach Absicherung der Machtbasis im Süden auch ein russischer Stoß auf Odessa vorgenommen wird, um den Landzipfel am Schwarzen Meer ebenfalls zu kontrollieren. Damit einher ginge die Schaffung einer Landbrücke zum bereits von russischen Soldaten „genutzten“ Transnistrien. Die Ukraine wäre von allen Zugängen zum Meer abgeschnitten. An diesem Punkt wäre militärstrategisch ein Punkt gekommen, die Kampfhandlungen einzustellen und die Lage militärisch zu stabilisieren, indem Truppen nachgeführt und Basen errichtet würden. Dies ginge mit der Schaffung politisch genehmer Strukturen einher.

Ein militärstrategischer Punkt ist jedoch noch keine politische Kategorie. Gehen Sie davon aus, daß solange gekämpft wird, bis die politischen Ziele („Entmilitarisierung“ der Ukraine und Installation einer rußlandfreundlichen Regierung) Moskaus erreicht sind?

Eichberger: Ich möchte auf der militärischen Ebene bleiben. Es wäre taktisch für den Kreml möglich, nach Schaffung der Landbrücke Krim-Cherson-Odessa-Transnistrien eine Art Linie über Uman nach Kiew zu schaffen, die nicht nur militärisch die zukünftige Westgrenze Rußlands darstellen könnte. Rein militärtaktisch wäre es auch geboten, von Weißrußland aus Invasionstruppen zu entsenden, die die Nachschublinie Lemberg-Kiew unterbrechen und kontrollieren, und gleichzeitig die komlette Einkesselung Kiews vorantreiben können. Aber dies alles sind Spekulationen.

Zurück zum Kampfgeschehen. Erwarten Sie eine Radikalisierung des Krieges?

Eichberger: Was ich erwarte, ist, daß Rußland die zweite Kriegswoche mit der bereits geschilderten Zweiten Welle beginnen und die Kriegsführung intensivieren wird. Nach und nach werden die taktischen Ziele in den nächsten Tagen erreicht und der Operationsplan im Großen und Ganzen umgesetzt werden können. Dies wird in den dann eroberten Städten auch von ukrainischer Seite zu einer Intensivierung der Kriegsführung, dann im Bereich Guerilla- und Kleinkriegtaktiken führen. Im Straßen- und Häuserkampf werden auf beiden Seiten leider viele Opfer zu verzeichnen sein. Mit der Nachführung von Truppen wird sich im Laufe der Zeit die Lage zunehmend zugunsten der Russen entwickeln.

Herr Eichberger, vielen Dank für das Gespräch.  

Nachtrag vom 5. März, geschrieben von Hagen Eichberger:

In der westlichen Kriegsberichterstattung sind einzelne Städte im Mittelpunkt, insbesondere Kiew, Mariupol und Charkow. Dem Hauptkriegsschauplatz in der Ostukraine sowie in den südlichen Landesteilen - dem Gürtel von Donezk über Mariupol und Cherson bis hin nach Odessa und Transnistrien - wird im Westen jedoch kaum Beachtung geschenkt. Auch in den zur Verdeutlichung der Lage dargestellten Karten sind die entscheidenden Entwicklungen kaum erfaßt.

Folgende Karte zeigt mit Stand 4. März die tatsächliche militärische Lage detailliert auf, wobei vor allem die Einkesselung der ukrainischen Hauptstreitmacht in der Ostukraine (in der Karte blau eingekreist) in westlichen Medien überhaupt keine Erwähnung findet.

Quelle: https://readovka.news/

Da es sich mit meiner eigenen Einschätzung vollkommen deckt, sei hier die Kurz-Analyse von Dr. Walter Post wiedergegeben: "In der Ostukraine, im Donbaß, sind etwa 60.000 bis 80.000 Mann (15 Brigaden) der ukrainischen Armee stationiert, die Masse ihrer kampfkräftigen Verbände. Diese sind nach Stand 4. März de facto  eingekesselt und damit der Vernichtung preisgegeben. Die von Norden aus dem Raum südlich Balaklila und von Süden aus der Gegend um Saporoschje vorrückenden russischen Angriffsspitzen sollen sich mittlerweile vereinigt haben. Sollte noch eine Frontlücke bestehen, so kann diese von der russischen Rohr- und Raketenartillerie bestrichen werden, was jeden Ausbruchsversuch zu einem tödlichen Unterfangen macht. Aus dem Kessel können nur noch kleine Trupps nach Westen entkommen, die Masse der eingeschlossenen ukrainischen Truppen soll mittlerweile unter Treibstoffmangel leiden."

Vielmehr sehen wir auf der Karte den russischen Vorstoß aus dem Raum um Nikolajew in nordwestlicher Richtung. Dies dürfte meine Einschätzung in obigem Interview bestätigen, wonach eine einarmige Zangenbewegung zur Einkesselung der ethnisch mehrheitlich russischen Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer bevorsteht, womit besagte Landverbindung nach Transnistrien hergestellt würde.

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