Altkanzler Schröder im Interview: „Wir sind nicht der 51. Staat der USA!“
Berlin. In einem ausführlichen Interview mit „t-online“ hat der frühere SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder den Amtswechsel im Weißen Haus kommentiert und in diesem Zusammenhang angemahnt, daß Deutschland nicht der 51. US-Bundesstaat sei. Abonniere jetzt: >> Die starke Stimme für deutsche Interessen
„Nagelprobe“ für den neuen US-Präsidenten müssse die Iran-Frage sein – hier müsse „Biden schnell beweisen, daß er außenpolitischen Mut hat“. Er müsse erkennen, daß nicht alles schlecht gewesen sei, was im Atomabkommen mit Teheran stehe. Darüber hinaus müßten die USA und Iran wieder ein zivilisiertes Verhältnis zueinander finden.
Wichtig hält Schröder auch die Wiederherstellung gleichberechtigter Beziehungen zu den USA. Wörtlich: „Ich erwarte eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Deutschland ist doch nicht der 51. Staat der USA! Das glaubt wohl mancher in Washington. Wir Deutschen sind Partner der USA, keine Gefolgsleute.“
Wenn die USA zum Beispiel versuchten, die deutsche Automobilindustrie durch Einfuhrzölle zu schädigen, oder deutsche Unternehmen mit illegalen Sanktionen bedrohten, handle es sich eindeutig um einen „unfreundlichen Akt“, fügte Schröder hinzu.
Ein besonderes Herzensanliegen ist dem Alt-Kanzler allerdings die Verbesserung der deutsch-russischen Beziehungen. Hier warb er „t-online“ gegenüber dafür, endlich von alten Feindbildern abzurücken. „Wir sollten Rußland vor allem nicht immer als Gegner behandeln, sondern auf ein partnerschaftliches Verhältnis, auch in Sicherheitsfragen, hinarbeiten.“
Laut Schröders Einschätzung will Kremlchef Putin trotz der großen Differenzen eine vernünftige politische und wirtschaftliche Beziehung zur Europäischen Union – ganz speziell zu Deutschland. Für ein besseres Verhältnis zu Moskau schlug er vor, die bisherige Sanktionspolitik der Europäischen Union gegenüber Rußland in Deutschland kritischer zu beurteilen.
Zur Realität gehöre auch der Umstand, daß kein internationales Problem ohne Rußland zu lösen sei. „Wir sind auf Kooperation in den internationalen Beziehungen angewiesen“, betonte Schröder.
Augenmaß bewies der Altkanzler auch mit Blick auf die vielgestaltiger werdende internationale Ordnung. Europäische Wertvorstellungen könnten nicht überall auf dem Globus vorausgesetzt werden. Schröder: „Wir brauchen zunächst etwas mehr Sinn für die internationalen Realitäten. Nehmen wir die sogenannte wertegebundene Außenpolitik wortwörtlich, dann können wir mit vielen Staaten dieser Erde schon deshalb nicht mehr kooperieren, weil sie unser Wertesystem nicht Eins zu Eins teilen.“ Wer das ausblende, würde seiner politischen Verantwortung nicht gerecht, schloß der Altkanzler. (se)
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